Aus der Chronik des Seelsorgebezirkes Lemke und Umgebung

Während und nach dem Krieg waren viele Menschen aus dem Ruhrgebiet und dem Osten in die Umgebung von Lemke geflüchtet. 1948 wohnten im Seelsorgebezirk Lemke insgesamt 15000 Einwohner. Etwa die Hälfte davon waren Ostvertriebene, zu denen fast ausschließlich die Katholiken zählten. 20% der Ostvertriebenen waren katholisch, 9% der Gesamtbevölkerung, also 1400 Katholiken im Seelsorgebezirk. Diese wurden von Pfr. May aus Nienburg betreut.

Sie erbaten sich unter vielen Bemühungen vom Bischof in Osnabrück die Entsendung eines katholischen Geistlichen. Am 30.7.1947 beauftragte Bischof Wilhelm Berning Pfr. Hermann Wagner ab dem 1.8.1947 mit der Flüchtlingsseelsorge in Lemke und Umgebung. Am 12. August traf er mit seinem Motorrad in Lemke ein. Er kam aus Twistringen, wo er sich dem Dechanten Dr. Freericks vorgestellt hatte. Pfr. Wagner traf in Lemke auf eine Gemeindeverwaltung, die Probleme hatte die vielen Flüchtlinge unterzubringen. Es fiel deshalb sehr schwer für Pfr. Wagner eine Wohnung zu finden. Er wohnte drei Monate mit dem alten ermländischen Flüchtling Kolberg zusammen in einer Stube. Diese Stube diente einer dreiköpfigen Flüchtlingsfamilie als Durchgangszimmer zu ihrem Raum dahinter. Danach konnte er erst zwei Zimmer für sich bekommen.

Am 17.8.1947 hielt Pfr. Wagner die erste Hl. Messe in der evangelischen Kirche zu Marklohe. Anfang September 1947 trat der Vikar Dierkes von Hoya Wietzen an Pfr. Wagner ab. Am 7.9.1947 hielt er in Wietzen in der evangelischen Kirche den Gottesdienst. Ebenso übergab ihm Pater Köttgen aus Stolzenau Bühren und Binnen. Am 6.9.1947 feierte er in der evangelischen Kirche zu Binnen die erste Hl. Messe. In der Folge übernahm er von Steyerberg die Gemeinde Mainsche und von Stolzenau die Gemeinde Liebenau.

1948 gehörten zum Seelsorgebezirk Lemke: Balge, Binnen, Blenhorst, Bötenberg, Buchhorst, Bühren, Glissen, Hesterberg, Holzbalge, Marklohe, Mehlbergen, Oyle, Sebbenhausen, Wietzen, Wohlenhausen und Windhorst. In den folgenden Jahren übernahmen und übergaben die Pfarrer auf mündliche  Absprache hin die Zuständigkeiten für weitere Gemeinden. So gab z.B. Pfr. Wagner im April 1949 Mainsche und Hesterberg an Siedenburg ab. Im Juni 1949 gingen sie dann wieder in den Seelsorgebezirk Lemke über.

Gottesdienste feierte er in der evangelischen Kirche in Marklohe jeden Sonntag abwechselnd um 8:00 bzw. 15:00 Uhr

in Liebenau jeden Sonntag abwechselnd um 8:00 bzw. 18:00 Uhr

in Wietzen jeden zweiten Sonntag um 15:00 Uhr und jeden zweiten Montag um 19:00 Uhr

in Balge am Samstag um 19:00 Uhr  in Binnen am Dienstag um 19:00 Uhr

in den Schulen

in Mainsche jeden zweiten Sonntag um 10:00 Uhr und jeden Freitag um 19:00 Uhr

in Oyle jeden Donnerstag um 19:00 Uhr.

Regelmäßiger Religionsunterricht wurde erteilt an den Schulen in Balge, Binnen, Dolldorf, Lemke, Liebenau, Mainsche, Marklohe, Oyle, Wietzen und Windhorst. Den Unterricht hielten Katecheten, -innen und katholische Lehrer. Groß war die Fluktuation unter den Katecheten. Mehrere fanden keine Wohnung in Lemke und zogen deshalb nach 2-3 Monaten wieder weg. Eine trat in das Franziskanerkloster in Kleve ein. Eine Katechetin hat
Pfr. Wagner aus dem Dienst entlassen, da sie unfähig war. Viele unter den Katecheten waren auch Studenten der Theologie und einer der Medizin.

In der Chronik wird von den Erstkommunionfeiern berichtet. 40-50 Kinder empfingen jährlich die erste
Hl. Kommunion. Das Durchschnittsalter der Erstkommunionkinder nach den Kriegswirren lag über 12 Jahre. Die Messen dazu wurden sehr feierlich begangen. Priester aus der Nachbarschaft konzelebrierten und hielten die Festpredigt. Am 27.9.1951 spendete Weihbischof Johannes Rudloff die erste Hl. Firmung im Seelsorgebezirk. Pastor Pulsfort aus Stolzenau war dazu als Nachbargeistlicher eingeladen. Nach jeder Hl. Firmung besuchte der Weihbischof den evangelischen Pastor des Ortes. Jährlich wurden Zeltlager für die Kinder angeboten. Die Gemeinde nahm auch an den Wallfahrten für Ostvertriebene nach Rulle teil.

Pfr. Wagner verreiste im August 1949 in den Westerwald. Dort hielt er in Neustadt/Wied für seine Gemeinde eine Sammlung ab. Er erhielt 1000,-DM, Lebensmittel und gebrauchte Kleidung. 1950 beteiligte er sich an der „Aktion Trier“ des Bonifatiusvereins. Er hielt vom 18.11. bis 10.12.1950 in 21 Pfarreien der Diözese Trier Bonifatiustage ab. In der Folge konnte er in seiner Pfarrei in Lemke bei den Weihnachtsfeiern die Kinder mit ca. 300 Päckchen aus den 21 Pfarreien in Trier beschenken. Danach beteiligte er sich immer wieder an den Bonifatiustagen „Aktion Trier“.

In seiner Abwesenheit übernahmen Geistliche aus der Nachbarschaft, Franziskaner aus Hannover-Kleefeld, Redemptoristen aus Belgien und den Niederlanden, Arbeiterpriester aus Frankreich und oft Religionslehrer die Vertretung für Pfr. Wagner. Auch an den Feiertagen halfen ihm auswärtige Priester aus.

 

Michael Weber

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