Ökumenische Bibelabende

Unser erstes Treffen fand am 13. September in St. Jacobi statt. Das Thema für die ökumenischen Abende: „das Hohelied“ das Lied der Lieder. Eine Sammlung von weltlichen Liebesgedichten und Hochzeitsliedern, vermutlich im 3. Jahrhundert vor Christi entstanden. In einem Rollenspiel zitierten Frau Dr. Goldhahn-Müller und Pastor Gelshorn einige Verse daraus, ebenso das Gedicht von Ringelnatz: „Ich hab dich so lieb“. Schnell wurde durch das Zitat „deine Nase ist wie der Turm im Libanon“ deutlich, dass die körperlichen Preisungen im Hohelied als Bilder dargestellt sind und wir die Texte in die heutige Zeit übertragen müssen, sonst bleiben sie unverstanden. Außerdem war die Grundsatzfrage zu klären, warum weltliche Liebesgedichte in der Bibel zu finden sind. Die Liebesgedichte gehören dann in die Bibel, wenn ich in den Texten Aussagen über Gott finde. Zwei mögliche Interpretationen wurden aufgezeigt.
 
 
Die allegorische Auslegung, die besagt, dass durch das Hohelied die Beziehung des Gottes Israels zu seinem Volk darstellt wird. Dabei ist Gott der Bräutigam und Israel die Braut. Die Beziehung zwischen Gott und dem Volk Israel ist geprägt von Sehnsucht, Enttäuschung und erfüllter Liebe. Die andere Auslegung führt noch in die heutige Zeit hinein. Das Hohelied, komponiert als Wechselgespräch zwischen Mann und Frau, zeigt die eheliche Gemeinschaft, zeigt wie Menschen Liebe erleben können und dürfen. Es lässt somit die Liebe Gottes zu den Menschen erahnen.
 
Nach dieser allgemeinen Einführung ging es ganz konkret an den Text. Begonnen wurde mit Kapitel 7. Es handelt nicht von der beginnenden Liebe mit anfänglichen Schmetterlingen im Bauch sondern von der reifen, erfüllten Liebe. Schon in der Anrede Su- lamit, die zu Salomon Gehörige, wird deutlich, dass zu einer erfüllten Liebe das gegenseitige Verschenken gehört, dass sich Ehepartner mit der Zeit immer stärker aneinander annähern. Die Komplimente wie „dein Bauch gleicht angehäuften Weizenkörnern“ beziehen sich auf Fruchtbarkeit, „deine Nase ist wie der Turm im Libanon“ auf Klugheit oder der Vers 6 auf die Sicher- heit, die die Frau bietet. Aber auch vom gegenseitigen Begehren ist in den Versen 7 bis 10 die Rede. In den Versen 11 bis 14 antwortet die Frau. Sie sagt „ich gehöre meinem Liebsten“ aber sie ist emanzipiert, gleichwertige Partnerin, denn sie lädt ein zu gemeinsamen Unternehmungen, einer Liebesnacht. Schon damals wurde erkannt, dass man in einer Partnerschaft sich gegenseitig Zeit schenken sollte. Das Hohelied besang noch weitere Aspekte der Liebe. Im Kapitel 3 „Nächtliche Sehnsucht“ wurde die Sehnsucht des Menschen nach einem Lebenspartner, nach Liebe herausgestellt und die Tatsache, dass man sich dafür auch auf Risiken einlassen muss, wenn die Sehnsucht Erfüllung finden soll. Die Menschen der damaligen Zeit hatten aber auch die unerfüllte Liebe im Blick. Im Kapitel 5 Verse 2 bis 8 wird ein Albtraum beschrieben. Eine Frau, die sich auf erotische Neckereien einlässt, sie spielt die Abweisende, aber bemerkt nicht, wann der Mannes das Interesse an ihr verloren hat. Der Liebhaber verlässt sie. Sie kann ihn nicht zurückgewinnen, schlimmer noch, sie erlebt Vergewaltigung durch Fremde.
 
Die Fortsetzung des Themas fand am 20.September im Gemeindehaus unserer St. Christophorus-Gemeinde statt. Wir näherten uns diesmal dem Hohelied durch kurze Diskussionsrunden in den jeweiligen Tischgruppen zu folgenden drei Fragen: „Erinnern Sie sich an Liebesgedichte und Liebeslieder, die sie begleitet haben? - Ist die Liebe eine Schwäche? - Verändert sich die Liebe und das Verliebtsein im Alter?“
 
Es waren lebhafte Gespräche, die nach jeweils 5 Minuten abgebrochen wurden.
 
Angeregt durch die Gespräche folgten wir mit Spannung dem Vortrag von Frau Geers die verschiedene Deutungen des Hohelied vorstellte, abhängig von verschiedenen Glaubensrichtungen und Traditionen.
In der Tradition des Judentums gehört das Hohelied zu den Festrollen Das heißt: es wird jedes Mal feierlich am Pessachfest vorgetragen. Die Juden sehen in dem Buch die Darstellung einer symbolischen innigen Liebesbeziehung zwischen dem Volk Israel als Braut und dem Schöpfer, der mit einem Bräutigam verglichen wird.
Das Hohelied beschreibt nicht nur die Beziehung zwischen Gott und dem Volk Israel, sondern ist auch die Beziehung von Gott  zu Einzelpersonen. So formulierte beispielsweise Bernhard von Clairvaux: (+1153): „Er küsst mich mit Küssen seines Mundes.“ Hier spricht die Seele als Braut, die nach Gott dürstet.
Jahrhunderte wurde der Bräutigam des Hoheliedes als Jesus Christus, der Auferstandene ausgelegt. Diese Auslegung konnten wir anschaulich am Bild „Himmelfahrt“ im Echternacher Codex nachvollziehen.
Johann Gottfried Herder, Sammler berühmter Volkslieder sah in dem Hohelied eine Sammlung von Volksliedern, die auf Hochzeiten gesungen wurden. Die göttliche Sphäre wird hier verlassen, die Liebenden werden zu Menschen wie du und ich.
 
Dargestellt werden im Hohelied tugendhafte Eheleute.
Als letzte Interpretationsmöglichkeit für die Bildsprache im Hohelied wurde die altorientalische Kunst genannt. Liebeslieder waren schon 2000 v. Chr. bekannt. Zusammenfassend kann man über die hebräische Poesie sagen, dass die bildhaften Vergleiche einen Vorstellungsraum eröffnen sollen, der für Deutungen offen bleibt.
Und mit diesen möglichen Deutungen forderte uns Pfarrer Konjer heraus.
Im Nebenraum waren einige Sätze wie „Deine Augen sind wie Tauben hinter deinem Schleier“ oder „Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen“ ausgelegt und nach einem kurzen Gespräch sammelten wir unsere möglichen Interpretationen. Nach dieser teilweise heiteren Gesprächsrunde teilte uns Pfarrer Konjer das Arbeitsblatt „Altorientalische Kunst als Schlüssel zum Hohelied“ aus und erläuterte damit ganz konkret die Kapitel 4,1-7 und 5,9-16.
 
Zum Abschluss des Abends stellte er die Frage „Was können glaubende Menschen in diesen Texten entdecken im Hinblick auf ihre Beziehung zu Gott?“ Nach einer Diskussionsrunde in den Tischgruppen wurden die Ergebnisse im Plenum zusammengetragen. Gott ist Mensch geworden. Im bewunderten und geliebten Menschen öffnet sich vielleicht das Auge für die Schönheit Gottes. In der Liebe zeigt sich Gott. Die Liebe und Sehnsucht er- innert an das Paradies und die Schöpfung. Durch die Liebe hört der Schöpfungsakt Gottes niemals auf.
 
Die ökumenischen Abende fand für dieses Jahr ihren Abschluss in einem ökumenischem Abendgottesdienst am Sonntag den 23. September um 17 Uhr.
 
Elfie Weber
 
 
 
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